Am vergangenen Freitagabend kam es etwa zehn
Minuten vor dem regulären Ende der Partie zu einem massiven,
unverhältnismäßigen Polizeieinsatz im Gästebereich des Millerntor-Stadions. Die
daraus resultierenden Auseinandersetzungen zwischen Fans und den Einsatzkräften
dauerten mehrere Minuten, das Spiel musste unterbrochen werden. Eine große
Anzahl von 96-Fans wurde verletzt, teilweise erheblich.
„Aktuell können wir das komplette Ausmaß der
Polizeigewalt noch nicht überblicken. Uns erreicht momentan eine Flut an
Meldungen von verletzten und traumatisierten Personen, welche wir aktuell
sammeln, um einen Überblick zu bekommen. Berichte von schweren Verletzungen,
welche im Krankenhaus behandelt werden mussten oder Personen, die sich aktuell
noch im Krankenhaus befinden, scheinen momentan nur die Spitze des Eisberges zu
sein. Wir gehen von einer dreistelligen Anzahl an verletzten 96-Fans aus.“
beginnt ein Sprecher der Fanhilfe Hannover mit den Schilderungen der
Ereignisse.
Im Vorfeld kam es im Block zu Unstimmigkeiten
zwischen zwei kleinen Gruppen an 96-Fans. Wie es in solchen Fällen im
Fußballkontext üblich ist, halfen umstehende 96er, um die Situation schnell
wieder zu beruhigen. Daraufhin entspannte sich die Lage wieder. Nach Rücksprache
mit mehreren Augenzeugen und den betroffenen Personen selbst, widersprechen wir
den getätigten Aussagen der Polizei Hamburg, dass ein Eingreifen zu irgendeinem
Zeitpunkt notwendig war, um „Schlimmeres zu verhindern“. Nach unseren Informationen gab auch der
eingesetzte Ordnungsdienst eine entsprechende Einschätzung an die Polizei
weiter, dass die Situation im Griff sei und ein Eingreifen zu keinem Zeitpunkt
nötig erschien.
Obwohl die Situation bereits geklärt war und
entgegengesetzt der Lageeinschätzung der Ordnungskräfte vor dem Block,
entschied sich die Polizei mit Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE)
den prallgefüllten Gästeblock durch einen Blockeingang zu stürmen, um sich anschließend unter wahllosen, massiven Einsatz von Reizgas zunächst Platz zu
verschaffen, was bereits zahlreiche Verletzungen billigend in Kauf nahm. Weder
die Fanbeauftragten oder Mitarbeiter des Fanprojektes wurden in irgendeiner
Form in Kenntnis gesetzt, noch gab es Ansagen oder Androhungen seitens der
Polizei im Vorfeld. Ohne Rücksicht auf Verluste und dem Wissen, dass derartige
Einsätze innerhalb eines Fanblocks immer eine Eskalation, mit nicht absehbaren
Folgen, zur Konsequenz haben. Zu keinem Zeitpunkt war das Ziel der eingesetzten
Einheiten ersichtlich.
Nach kurzer Zeit kam es zu den ersten
Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei. Anstatt zu diesem Zeitpunkt
die Situation nicht noch weiter ausufern zu lassen und sich aus dem Block
zurückzuziehen, kam es zu massivem Einsatz von Schlagstöcken, Reizgas und
Tritten. Viele Fans solidarisierten sich und versuchten sich verzweifelt zu
wehren, um die Polizei aus dem Block zurückzudrängen. Ähnliche Szenen haben
sich auch hinter dem Gästeblock, im Bereich der Verkaufsstände, abgespielt.
Später erfolgte durch das weitere Mundloch ein Eindringen von Polizeikräften,
ebenso wurden vor dem Block Einheiten zusammengezogen. Während bereits das
versprühte Reizgas im großen Teil des Blocks zu Hustenanfällen sowie Reizungen
der Augen und Atemwege führte, begannen auch die vor dem Block eingesetzten
Polizeikräfte ohne ersichtlichen Grund Reizgas wahllos in den Block zu sprühen.
Dadurch gab es weder Fluchtmöglichkeiten durch die Blockeingänge noch in
Richtung des Spielfeldes über den Zaun. Auf vorhandenem Bild- und
Videomaterial, welches bereits durch diverse soziale Medien kursiert, zeigt
sich, dass trotz defensiver Haltung von Personen auf und vor dem Zaun der
Reizgas-Einsatz aus nächster Distanz munter weiter ging. Erst nachdem die Einheiten
erfolgreich vollständig zurückgedrängt werden konnten, beruhigte sich die
Situation wieder.
„Fassungslos blicken wir auf die gestrigen
Geschehnisse. Mit Entsetzen fragen wir uns, wie überhaupt ein derartiger
maximal unverhältnismäßiger Einsatz in einem ausverkauften, vollbesetzten Block
unter den gegebenen Umständen auch nur ansatzweise in Betracht gezogen werden
kann und dann auch noch in dieser Art und Weise durchgeführt wird.
Erschreckende Eindrücke von panischen, blutüberströmten Menschen sind die
Bilanz des gestrigen Tages. Eine derartige Gewaltorgie seitens der Polizei bei
Fußballspielen haben wir so noch nicht erlebt.“ führt der Sprecher der Fanhilfe
Hannover weiter aus.
Nachdem sich die Einsatzkräfte aus und vor dem
Block zurückziehen mussten, war trotzdem nicht mehr an das Spiel zu denken. Die
Unterstützung der Mannschaft wurde eingestellt und es wurde sich um die
Versorgung der zahlreichen Verletzten gekümmert. „Wir bedanken uns beim
Ordnungsdienst des FC St. Pauli für die Unterstützung bei der Versorgung von
verletzten Personen und dem besonnen Handeln der eingesetzten Ordnungskräfte. Ein
Einsatzverbot von Reizgas bei Massenveranstaltungen ist längst überfällig, was
der gestrige Tag im negativen Sinn nochmals eindrucksvoll unter Beweis gestellt
hat. Wir werden all unsere Kräfte bündeln, um diese Verbrechen seitens der
Hamburger Polizei zur Anzeige zu bringen und die Täter in Uniform zur
Rechenschaft zu ziehen. Dieser unbegreifliche Gewaltexzess muss schonungslos
aufgeklärt werden und Konsequenzen für die Verantwortlichen nach sich ziehen.“,
sagt der Sprecher der Fanhilfe Hannover abschließend.
Die Fanhilfe Hannover ruft alle 96-Fans dazu
auf vorhandene Verletzungen unverzüglich ärztlich attestieren zu lassen und
Gedächtnisprotokolle anzufertigen. Betroffene Personen kontaktieren uns bitte
per E-Mail über fanhilfehannover@gmx.de.